24. Juni 2026

Wenn Zukunftschancen wegbrechen

Bei der Sommerreise der Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit (BAG-EJSA) wurde sichtbar, was verlässliche Jugendsozialarbeit für junge Menschen bedeutet: Sie eröffnet Wege in Ausbildung und Studium, stärkt Teilhabe und schafft Perspektiven. Zugleich machte der Austausch mit Politik, Verwaltung, Wohlfahrtspflege und Fachpraxis deutlich, was auf dem Spiel steht, wenn bewährte Angebote gekürzt oder nicht verlässlich finanziert werden.

 

Wenn junge Menschen von ihrem Weg in Ausbildung, Studium oder Beruf erzählen, wird schnell deutlich, worum es in der Jugendsozialarbeit geht: um Chancen, Perspektiven und gesellschaftliche Teilhabe. Genau darum ging es auch bei der Sommerreise der Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit (BAG EJSA), die am 18. Juni 2026 beim Evangelischen Verein für Kinder- und Jugendhilfe Rhein-Main e.V. (evkj) in Frankfurt Station machte.

Vertreter*innen aus Politik, Verwaltung, Wohlfahrtspflege und Fachpraxis kamen mit Jugendlichen, jungen Erwachsenen, ehemaligen Teilnehmenden und Mitarbeitenden der Projekte ins Gespräch. Im Mittelpunkt standen die Jugendmigrationsdienste (JMD), die Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule (GF-H) sowie das inklusive Ausbildungs- und Qualifizierungsprojekt Rothschild.

Die Berichte der jungen Menschen machten eindrücklich sichtbar, welche Bedeutung verlässliche Beratung, Begleitung und Qualifizierung für Bildungswege und Zukunftsperspektiven haben. Gleichzeitig wurde deutlich: Viele dieser Angebote geraten aktuell unter Druck. Bundesweit laufen Programme aus, werden eingestellt oder sind von Kürzungen betroffen – obwohl der Unterstützungsbedarf weiter wächst. Dazu zählen unter anderem die Programme „Mental Health“ und „Respekt Coaches“, das Modellprojekt „Digital Hub“ sowie die gesamte Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule. Auch die Jugendmigrationsdienste sind von Kürzungen betroffen.

„Junge Menschen, die Benachteiligung, Ausgrenzung oder Diskriminierung erfahren, brauchen verlässliche Unterstützung und echte Zukunftsperspektiven“, betonte Johannes Löschner, Arbeitsbereichsleiter beim Evangelischen Verein. „Jugendsozialarbeit begleitet sie auf ihrem Weg in Ausbildung, Beruf und gesellschaftliche Teilhabe. Werden bewährte Bundesprogramme geschwächt, gefährden wir Chancen – für die Betroffenen und für unsere Gesellschaft.“

Verlässliche Strukturen für junge Menschen

Am Beispiel der Jugendmigrationsdienste wurde deutlich, wie wichtig kontinuierliche Unterstützung für junge Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung ist. Der Jugendmigrationsdienst des evkj erreicht jährlich 617 junge Menschen. Die Angebote reichen von individueller Beratung und Begleitung über Bildungs- und Berufsorientierung bis hin zu Unterstützung bei Behördenangelegenheiten, Sprachförderung und gesellschaftlicher Teilhabe.

Auch die Bildungsberatung Garantiefonds Hochschule begleitet junge Zugewanderte auf dem Weg ins Studium – bei der Studienvorbereitung, Studienaufnahme und Studienfortsetzung. Gerade solche Angebote schaffen Zugänge zu Bildung, die ohne Beratung und Begleitung oft schwer erreichbar wären.

Wie konkret diese Unterstützung wirkt, schilderte Mariia, ehemalige Teilnehmerin des Garantiefonds Hochschule und heute Studentin im ersten Semester an der Goethe-Universität Frankfurt: „Die Bildungsberatung GF-H hat mich lange sehr unterstützt und ist für mich ein Ort der guten Nachrichten geworden – dafür bin ich sehr dankbar!“

Inklusion darf nicht an Finanzierung scheitern

Ein weiterer Schwerpunkt der Sommerreise war das inklusive Ausbildungs- und Qualifizierungsprojekt Rothschild. Dort lernen und arbeiten hörende und taube junge Menschen gemeinsam. Das Projekt unterstützt junge Menschen mit besonderem Förderbedarf auf ihrem Weg in Bildung, Qualifizierung und Ausbildung. Seit dem Projektstart Ende 2013 haben 33 junge Menschen im Projekt Rothschild ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, 87 Jugendliche haben den Hauptschulabschluss geschafft. Mehr als 80 Prozent der Teilnehmenden wurden in Ausbildung oder feste Beschäftigung vermittelt oder haben einen höheren Schulabschluss erworben.

Das Projekt nimmt in der Region eine besondere Rolle ein: Nach aktuellem Kenntnisstand ist es im Rhein-Main-Gebiet das einzige Angebot dieser Art. Damit taube und hörende junge Menschen gemeinsam lernen und arbeiten können, braucht es verlässliche Kommunikation – und damit auch die Finanzierung von Gebärdensprachdolmetsch-Leistungen. Genau diese Finanzierung ist jedoch nicht dauerhaft gesichert.

„Die größte Herausforderung unseres Projekts ist nicht die pädagogische Arbeit. Die größte Herausforderung ist derzeit die Finanzierung der notwendigen Gebärdensprachdolmetsch-Leistungen“, sagte Evelyn Rogowski, Arbeitsbereichsleiterin Jugendberufshilfe im evkj.

Was das Projekt für die Teilnehmenden bedeutet, beschrieb Betül, die ihre Ausbildung zur Fachpraktikerin im Gastgewerbe im Projekt Rothschild erfolgreich abgeschlossen hat: „Im Projekt Rothschild werde ich nicht auf meine Hörbeeinträchtigung reduziert. Hier geht es darum, was ich kann und welche Ziele ich habe.“

Chancen nicht dem Zufall überlassen

Die Frankfurter Bürgermeisterin Dr. Nargess Eskandari-Grünberg zeigte sich insbesondere von den persönlichen Berichten der jungen Menschen beeindruckt. Sie machte deutlich, dass Kürzungen bei Integration, Bildung und Teilhabe langfristige Folgen haben: „Wir sprechen immer von Chancengerechtigkeit, aber wenn die Finanzierung wegbricht, werden Chancen aktiv genommen.“ Deshalb setze sie sich dafür ein, dass Kommunen, Land und Bund gemeinsam Verantwortung für die Finanzierung von Inklusion übernehmen.

Auch Carsten Tag, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen, warnte davor, bewährte Unterstützungsangebote infrage zu stellen. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt unter Druck gerate, brauche es Programme, die Integration, Bildung und Teilhabe stärken.

In einem Punkt herrschte bei der Veranstaltung große Einigkeit: Wer gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken, Integration fördern und Fachkräfte gewinnen will, darf bei jungen Menschen nicht sparen. Jugendsozialarbeit, Integrationsarbeit und inklusive Bildungsangebote sind keine freiwilligen Zusatzleistungen. Sie schaffen Grundlagen dafür, dass junge Menschen ihren Platz in der Gesellschaft finden, Verantwortung übernehmen und ihre Potenziale entfalten können.

„Einsparungen bei Integration, Bildung und Teilhabe schwächen nicht nur Projekte – es sind Angriffe auf Zukunftschancen junger Menschen“, sagte Miriam Walter, Geschäftsführende des Evangelischen Vereins für Kinder- und Jugendhilfe Rhein-Main e.V. „Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, Betroffene allein zu lassen – die Folgen werden in allen Bereichen unserer Gesellschaft sichtbar werden.“

Die BAG-EJSA-Sommerreise  hat gezeigt: Jugendsozialarbeit wirkt. Sie eröffnet Zugänge, stärkt Selbstständigkeit und schafft Perspektiven. Damit diese Arbeit auch künftig gelingen kann, braucht es verlässliche Strukturen, klare Zuständigkeiten und eine langfristig gesicherte Finanzierung.

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